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Der vierte König

Die Rückkehr des vierten Königs

Was wäre Weihnachten ohne die Geburt Jesus und was wäre die Geburt Jesu ohne die Geschichte mit den drei Königen aus dem Morgenland, manchmal auch Weise oder Magier genannt -?  Aber waren es wirklich drei oder doch nicht eher vier, wie es manch frühes Kirchengemälde nahelegt? Der vierte König, so die verschollene Legende, kam aus dem hohen Norden.  Wer könnte  der Vierte gewesen sein?  Auf meiner Spurensuche verabrede ich mich telefonisch mit Herrn Kermann, der  momentan  verfügbar und gewöhnlich sehr gut unterrichtet ist. „Klar“, sagt er, er wisse darüber Bescheid, rede aber am Telefon nicht so gern darüber. „Man würde ja nie wissen“, schiebt er mit verschwörerischem Unterton nach. Wir verabreden uns im Kaffeehaus.   Sehr langsam rührt er in seiner Melange. „Um auf ihre Frage zurückzukommen“, beginnt er , müde auf  den Löffel in seiner Hand schauend, “ haben Sie sich noch nicht gefragt, welcher Personenkreis dafür wohl  in Frage käme, wer gerade heute wie ein König angesehen und verehrt wird, wessen Worte von schier unergründlicher Weisheit in allen Medien wieder und wieder kundgetan, ja gleichsam mit Gold gewägt werden…? “ –bedeutsame Pause- „ Und wer kann –quasi aus dem Nichts, mittels  magischer  Märkte , Papier, Stein oder  Dreck,  kurz jede Materie, in Geld wandeln und wieder zurück.“

Sein Blick prüft, ob sich ein Zeichen des Erkennens in meinem Gesicht lesen läßt, bis er ihn, mit dem Kopf mitleidig schüttelnd, wieder auf seine Tasse richtet .

„ Rhetorische Frage oder…?“ sage ich  nach eine gefühlten Ewigkeit, „Der Vierte könnte ein Experte aus der Ökonomie und /oder der Bankwirtschaft gewesen sein.“

Kermann nickt kaum sichtbar, lehnt sich entspannt zurück und erzählt nun eine ganz und gar merkwürdige Geschichte.

“Im Matthäusevangelium Kapitel 2 (11) steht: „Und als sie in das Haus gingen und sahen das junge Kind mit Maria, seiner Mutter, da fielen sie nieder und erwiesen ihm ihre Ehrerbietung. Auch öffneten sie ihre Schätze und versahen das Kind mit Geschenken: Gold, Weihrauch und Myrre.

Was brachte aber der Vierte, der von der herkömmlichen Geschichtsschreibung verschwiegene, König, dar?   Was war sein Geschenk an die heilige Familie?  Und wieso wissen wir heute nichte mehr davon?

Es traf sich für ihn wohl, dass der Platz um das Kind von den anderen drei schon belegt war. Er hatte nämlich kein gegenständliches Geschenk für das Kind. Also ging er gleich zu Josef (sic), der etwas im Abseits stand, direkt neben Ochs und Esel. Er grüßte kurz, sondierte mit nachdenklichen Blicken die gesamte Szenerie und zog Stift und Papier  aus den Falten seines Gewandes. Mit schnellen Bewegungen kritzelte er ein paar Zahlen auf das Blatt, malte ein paar Koordinatensysteme drauf und zeichnete Schnittmengen und Verlaufskurven ein.  Souverän lächelnd stellte er sich Josef als Hans O. Unsinn,  seines Zeichens Ökonom und Vermögensmanager, vor.  „ Lassen Sie mich mal kurz die Lage zusammenfassen: Sie sind arbeitslos, haben Frau und Kind, keine feste Unterkunft, sind auf der Flucht und haben kein Geld. Schwieriger Fall, aber ich kann ihnen helfen. Es kostet nur die Hälfte meiner gewöhnlichen Arbitrage. Dies wird mein Geschenk an das heilige Kind sein. Kommen wir also zum Geschäft.“

Josef schien verwirrt. Dieser Mensch sprach in einer unverständlichen Sprache mit ihm, gleichwohl er die Worte kannte.  Aber unser vierter König  ließ sich nicht beirren.

„ Reden wir von den Assets, der Habenseite : Sie haben Gold,  Weihrauch und Myrre, außerdem virtuell einen Stall sowie zwei Kühe in ihrem Portfolio. Nehmen Sie etwas von dem Gold und lassen Sie sich für dieses den Gegenwert  als Kredit geben. Damit  kaufen Sie den Stall und mit dem Rest gründen Sie einen Hedgefond.“

„Wieso denn Kühe, da sind nur Ochs und Esel, und warum sollte ich den Stall.., was ist ein Hedge…“ fragte Josef eingeschüchtert.  Er wird abrupt unterbrochen

„Kleingläubiger, Unwissender …, unterbrechen Sie mich nicht, Zeit ist Geld. Ochs und Esel sind doch Säugetiere wie Kühe auch, ein Esel kann Milch geben wie eine Kuh und ein Ochs Fleisch geben wie diese,  wollen Sie jetzt Haare spalten?“

O. Unsinn schaut Josef streng an, seine Augenbrauen sind nach oben gezogen, die Augen funkeln streitlustig.

„Also, Sie haben zwei Kühe. Verkaufen Sie nun drei Kühe an ihren eigenen Hedge-Fond, der, mit Akkreditiven von den hier anwesenden drei Königen ausgestattet, bei dem Bankhaus  X & Mass eröffnet wird – die übrigens einem Schwager von mir gehört.  Diskretion ist Ehrensache, wenn Sie verstehen!“

An dieser Stelle blinzelt Unsinn wild mit dem rechten Auge.  Er läuft zu Topform auf.

„Dann führen Sie ein Debt/Equity-Swap aus und verbinden dies mit einer allgemeinen Bieterauktion, so dass Sie nun vier Kühe zurückbekommen, mit einem Steuerabzug bezogen auf das Halten von fünf bis sechs Kühen.  Sie können nun Milch-Rechte  für sechs Kühe geltend machen und diese über einen panamaischen Vermittler zu einer Firma, die im verborgenen Besitz von einem hier anwesenden Mehrheitsgesellschafter ist, auf die Caymans transferieren. Diese Firma verkauft  nun die Rechte an der Milch von nun sieben Kühen zurück an Ihren Hedge-Fond. Der Jahresbericht sagt, dass ihr Unternehmen neun Kühe besitzt, sieben und eine Option auf zwei weitere. Das ist ein guter Anfang. Sie besitzen ja noch Grund und Boden mit Stallung, dann noch etwas Gold in Reserve, wertvolle, seltene Rohstoffe und im Prinzip neun Kühe. Die neun Kühe machen zwar kaum Mühe aber ihr Cash-Flow ist nicht optimal.  Sie beleihen nun ihr Landgut mit einer Hypothek  und verkaufen Termin-Kontrakte für ihre Rohstoffe und die 18 Kühe, in deren Besitz sie zum Fälligkeitsdatum sein werden. Diese Kontrakte sichern sie mit CDS (Credit-Default-Swaps) ab, man weiß ja nie, haha…“

Konvulsive Zuckungen und vereinzelte rötliche Flecken breiten sich im Gesicht Unsinns aus und umrahmen dessen glucksendes, keckerndes Lachen. Er ist vom eigenen Furor überwältigt. Nach Atem ringend stößt er hervor:

„Sie haben nun forderungsbesicherte Wertpapiere, sog. Asset-Backed Securities, in der Hand. Das ist gut!  Und sie haben Terminkontrakte, die als Wertpapiere möglicherweise als spekulativ gelten. Von außen besehen könnten mißliebige Zungen von High-Yield-Anleihen (Schrottanleihen) sprechen. Das wäre schlecht. Mit einem Teilverkauf der Wertpapiere besänftigen sie zunächst ihre Gläubiger und mit dem restlichen Geld gründen Sie ein SPV (Special-Purpose-Vehicle  oder auch Zweckgesellschaft) in die sie ihre Asset-Backed-Securities und zugleich ihre Kontrakte also potenzielle High-Yield-Anleihen einbringen. Sie können nun gemeinsam mit meinem Schwager CDO’s (Collateralized Debt Obligations) ausgeben.  Durch die ausgewogene Verteilung des Risikos werden Sie ein gutes Rating  von Standard & Poor o.ä. Agenturen bekommen.  Verkaufen Sie die neuen Anleihen weltweit, später dann am besten nach Deutschland, die nehmen alles. Nun sprudelt ordentlich „cash“ – Eröffnen sie Konten in der Schweiz, Liechtenstein oder auf den Kanalinseln  und leben Sie mit ihrer Sippe und allen Nachkommen vergnügt bis zu ihrem Lebensende in einem Steuerparadies ihrer Wahl.  Wenn Sie dennoch , außer an die überirdische Gerechtigkeit der Märkte, an etwas anderes, das rein Materielle transzendierende glauben möchten, ja, quasi  glauben, ihr Kreuz weiterhin tragen zu müssen…,  hah..har.. , kleiner Scherz am Rande,  können  Sie  ja über unsere Guernsey- Connection PIIGS-Staatsanleihen kaufen.“

„So war das damals“, schließt  Kermann seine Geschichte. „Nun ja, was soll ich noch berichten,  die Geschichte wurde dann ja anders aufgeschrieben.  Von Josef war dann auch kaum mehr die Rede. Schade eigentlich, der hat damals wirklich eine  ordentliche Performance abgeliefert. Das wäre schon ein Tripple A wert, wenn da nicht der Sohn gewesen wäre… und die Kirche, die davon nichts mehr wissen wollte. Aber diese Geschichte ist wahr und könnte sich heute genauso wiederholen, dafür gebe ich, Josef A.C. Kermann, Ihnen mein persönliches Ehrenwort, ich wiederhole mein Ehrenwort!“

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